Zur Erinnerung...
Zur Erinnerung an die Kinder, Erzieherinnen and die Synagoge des Antonienheims, Antonienstr.7 (heute 5-7) 1926 -1942.
Bereits mit dem 1. Transport 1941 aus München wurden Kinder nach Kowno deportiert and ermordet weitere Deportationen folgten nach Auschwitz, Theresienstadt, Piaski, Nur einzelne überlebten.
Entwurf für die Künstlerische Gestaltung des Gedenk - Ortes. Susi Rosenberg, Januar 2001.
Diese Dokumentation wurde im Auftrag des Baureferates der Landeshauptstadt München erstellt.
Antonienstr.7
Vorgeschichte
Die jüdische Kinderfürsorge in München geht bis auf das Jahr 1904 zurück. Es wurden von Elisabeth Kitzinger mehrfach Wohnungen angemietet, um Kinder aus sozial schwachen jüdischen Familien zu betreuen. Erst 1926 gelang es ihr, in einem Haus mit großem Garten, in der Antonienstr. 7, ein Kinderheim einzurichten, das sie bis zu ihrer Flucht 1939 leitete.
Antonienheim
Von 1926 bis 1942 wurde der Betrieb des Kinderheimes aufrechterhalten. Bereits 1928 wurden zusätzlich weitere Heime gegründet um die in Ausbildung befindlichen Kinder weiter zu betreuen.
1. Antonienheim, Antonienstr. 7,
für Säuglinge, Kleinkinder, Kindergarten - and Schulkinder, Haushaltslehrlinge,
2. Lehrlingsheim für Jungen, Wagnerstr. 3
3. Mädchenheim, Virchowstr. 1
4. Ferienkolonie Krumbach, Sommerfrische für Heimkinder
Mit weiteren Heimen, wie z.B. Wirtschaftliche Frauenschule, Wolfratshausen stand die Leitung des Antonienheims in regelmäßigem Briefwechsel.
Ab 1935 wurden neben den wirtschaftlich Benachteiligten vermehrt Kinder zur Vorbereitung der Aliah (Auswanderung nach Palästina) im Heim untergebracht.
Ab 1938 kamen zusätzlich Kinder aus fränkischen and schwäbischen Regionen, da dort bereits viele jüdische Betriebe von den Nazis zwangsaufgelöst wurden.
Nach dem Novemberprogrom 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, gab es einen erneuten Schub an unterzubringenden Kindern nachdem die Familien gezwungen wurden, ihre Häuser and Wohnungen in kürzester Zeit zu räumen.
Die Heimleitung schaffte es noch eine gewisse Zeit trotz der sich immer weiter erschwerenden Situation, ein Ort der Geborgenheit and Sicherheit für die Kinder zu sein.
Synagoge
Im Erdgeschoß des Hauses war eine Synagoge eingerichtet, in der regelmäßig Gottesdienste abgehalten wurden; auch ein Kantor war fest engagiert. Neben den Kindern nahmen auch viele in der Nachbarschaft wohnenden Juden teil. Bar Mitzwah Feiern, auch von Kindern die nicht im Heim wohnten, waren üblich.
Zwangsauflösung - Deportation
Die angeschlossenen Heime wurden 1938 zwangsweise geschlossen. Die Leitung des Antonienheims konnte jedoch die Schließung bis 1942 aufschieben, was ein fälschliches Gefühl von Sicherheit bewirkte.
Die tragische Folge war, daß bereits mit der 1. Deportation aus München, im November 1941, auch direkt vom Heim aus Kinder and Erzieherinnen zur Ermordung nach Kowno (Kaunas) verschleppt wurden.
1942 wurden die wenigen verbliebenen Heimbewohner nach Theresienstadt, Auschwitz and Piaski deportiert. Nur einzelne überlebten.
Historische Bedeutung des Ortes
Das Antonienheim kann nicht als isolierte Institution betrachtet werden; seine Bedeutung reicht weit über die familiäre Betreuung der Kinder hinaus. Es muß als Zentrale der jüdischen Kinderund Jugendfürsorge in München and Oberbayern angesehen werden, da von hier aus die Initiative zur Gründung weiterer Heime ausging. Die Heimleitung stand den anderen Heimen beratend zur Seite.
Durch die Existenz der Synagoge öffnete sich das Haus gleichzeitig für die in der Nachbarschaft lebenden Juden; es wurde zu einem festen Bestandteil des aktiven Gemeindelebens and der Erziehung der Kinder zu bewußten Mitgliedern der Gemeinschaft.
Heutige Situation des Ortes
Das Heimgebäude steht nicht mehr. Lediglich ein Teil des Zaunes sowie ein Begrenzungsstein des Grundstückes sind noch vorhanden.
Gegenüber dem ehemaligen Heim steht noch das ursprüngliche Gebäude, in dem sich heute eine städtische Schule für Hauswirtschaft befindet. Vorgarten and Zaun, bzw. die Betonpfosten sind ebenfalls erhalten.
Die Gedenkstätte soll auf dieser Seite errichtet werden.
Gestaltungsgrundlage
In Anbetracht der wachsenden Unkenntnis bei Kindern and Jugendlichen von den geschichtlichen Tatsachen des Nationalsozialismus sehe ich es als meine Aufgabe an, in der Gestaltung auch den erzieherischen Aspekt dieses Memorials zu berücksichtigen. Es ist notwendig, Besucher zunächst auf emotionaler Ebene anzusprechen, zu erreichen. Die Vermittlung der historischen Fakten durch einen Text sollte als Teil der Skulptur in das Ensemble eingebunden sein. Die komplexe Bedeutung dieses Ortes kann am besten durch mehrere, ineinandergreifende Gestaltungsebenen bearbeitet werden. Dies unterstreicht auch die Gleichzeitigkeit der damaligen Geschehnisse. Während schon einige Kinder deportiert and ermordet waren versuchte die Heimleitung noch einen normalen Alltag mit Festen and Feiern für die verbliebenen Kinder aufrecht zu erhalten.
Diese Gedenkstätte sollte auch die Verbindung zwischen Vergangenheit and Gegenwart schaffen, daher kann ich nur aus der Sprache der Gegenwartsskulptur and meiner eigenen Formensprache heraus an diese Thematik herangehen.
Die Gestaltung
Markierung des Schulwegs
Markierung des ursprünglichen Geländes
Erinnerung an die Synagoge
Gedenken an die Ermordeten
Text
Symbolische Markierung des Schulwegs
Das erste Zaunsegment neben dem Schuleingang wird entfernt, die Holzlatten des weiteren Zaunes durch Glas ersetzt. An die 12 verbleibenden gereinigten Betonpfeiler werden jeweils rechteckige Eisengußreliefs, davon 10 mit Abdrücken von Kinderhänden, 2 mit Abdrücken von Buchrücken befestigt. Der technologische Vorgang des Metallgießens ist bewußt als Metapher für die im Feuer verbrannten Kinder gewählt. Verschieden große Abdrücke werden im Verlauf der Reliefs als Spuren sichtbar and tastbar sein. Spuren des Alltags, Spuren des Lebens, dem Entlangstreifen am Zaun, daß auch heute bei Kindern zu beobachten ist, nachempfunden. Besucher haben die Möglichkeit, sich tastend eigene Gedanken über die Schutzbedürftigkeit von Kindern, heute wie damals, zu machen.
Markierung des ursprünglichen Geländes (auch Teil des Schulwegs)
Um auch das eigentliche Grundstück direkt zu kennzeichnen, bleibt alleine die Einbeziehung des öffentlichen Gehsteigs, da es kein Einverständnis des jetzigen Hausbesitzers gibt, auf dem ursprünglichen Gelände eine Gedenkstätte einzurichten. So sollen in den Gehsteig vor dem ehemaligen Heim 2 Varianten eines Kästchenspiels, in Eisen and Beton bündig in den Boden eingelassen werden. Das seit Jahrhunderten bekannte Spiel, "Himmel and Hölle" genannt, gibt wiederum einen Hinweis auf die Spiele der damaligen Kinder and kann auch heute genutzt werden. Dadurch wird auch eine Verbindung zwischen Vergangenheit and Gegenwart geknüpft.
Erinnerung an die Synagoge and Gedenken an die Ermordeten
In die beiden Gußeisenreliefs an den Betonpfeilern in Höhe des Gartentores sind Buchrücken statt der Hände abgedrückt. Die in Spiegelschrift lesbaren Buchtitel nehmen die Thematik auf. Wieder sind es nur noch Spuren, die an den Ort der Versammlung, des Gebets and des religiösen Lernens erinnern.
Der Boden des Vorgartens wird mit einer Grasdecke oder ähnlichem bepflanzt. Parallel zu den Betonpfeilern stehen quadratische flache Eisenbecken, die mit kleinen Steinen gefüllt sind, wie sie nach jüdischem Brauch eigentlich auf die Grabsteine gelegt werden. Die Ermordeten haben keine Gräber. Die zwei Becken, in Höhe des Gartentores sind diagonal in Dreiecke geteilt. Je eine Hälfte wird mit Steinen, die andere mit Wasser gefüllt, welches verdunstet and sich vom Regen wieder sammelt. Ich zitiere hier die in meiner Skulptur „Path II" umgesetzte Idee des „Lethe", in der stehendes Wasser für Unauslöschbarkeit von Erinnerung steht. Die Becken nehmen die Größe der heute in München üblichen Pflastersteine auf, die Höhe entspricht 3 solcher Steine.
Durch die massive Glasscheibe am Ende des Vorgartens kann die ganze skulpturale Reihung der Becken betrachtet werden. Von hier aus können entweder die beiden Wasserdreiecke oder die Steindreiecke gedanklich übereinander geschoben werden. Ein Davidstern kann gesehen werden. Da der Vorgarten von der Straße aus von Besuchern nicht betreten werden kann, entsteht ein geschützter Raum der Leere and Stille.
Text
Diese Gestaltungsebene besteht aus dem auf die historischen Fakten verweisenden Text, der auf der massiven Glasscheibe am Ende des Vorgartens, nahe des Schuleingangs, zu lesen sein wird. Die Glassegmente längs des Zaunes, lassen auch für Kinder während des Lesens der Inschrift den Blick auf das eigentliche Gelände des Heims frei.
Die verschiedenen, in festem Bezug zueinander stehenden Gestaltungselemente verdeutlichen Gleichzeitigkeit and die Diskrepanz zwischen lebendigem Kinderspiel einerseits and der Verfolgung and Ermordung durch die Nazis andererseits. Es bleibt eine nicht wieder zu füllende Leere zurück.
Weitere notwendige bauliche Veränderungen
Der Austausch sämtlicher Lattensegmente durch Glassegmente unterbindet auch die ständige Nutzung des ganzen Zaunes als Fahrradständer. Es wird dadurch ermöglicht, während dss Lesens der Inschrift durch das Glas auf das eigentliche Grundstück zu sehen. Es öffnet den Vorgarten wobei er gleichzeitig geschützt bleibt.
Als Ersatz sollte auf der anderen Seite des Haupteinganges staff eines Stücks der Hecke, in Richtung Ungererstraße, ein Fahrradständer aufgestellt werden.
Als weitere Maßnahmen, um den Platz zu beruhigen, sollte der Neubau der Schule einen hellen Anstrich erhalten. Wünschenswert wäre die gleichzeitige Fassadenrenovierung des Altbaus, in gleicher Farbe. Die heute am Schuleingang stehenden Pflanzentröge sollten entfernt werden. Es wäre zu überlegen, das Schulemblem zu verändern.
© Susi Rosenberg, Januar 2001
Susi Rosenberg, Hauptstr.12, 86559 Adelzhausen









