University of Minnesota
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  • Susi Rosenberg : Gedenktafeln

    Gedenktafeln

    "Gedenktafeln sine nur eine minimale Geste"

    Historiker Gavriel Rosenfeld über Vergangenheitsbewältigung and die „Strategie des Vergessens" in der Architektur.

    Gavriel RosenfeldMit einer Gedenktafel im Rathaus erinnert der Stadtrat heute an die erste Deportation Münchner Juden am 20. November 1941. Welche Rolle Denkmäler wie dieses im Prozess der Vergangenheitsbewältigung Münchens spielen, hat der amerikanische Historiker Gavriel Rosenfeld in seinem kürzlich erschienenen Buch „Munich and memory" untersucht. Die SZ sprach mit Rosenfeld über seine Erkenntnisse. Gavriel Rosenfeld Foto: Jeff Banks.

    SZ : Sie bezeichnen München als „instabile Stätte der Erinnerung". Wie kommen Sae zu diesem Schluss?

    Gavriel Rosenfeld: Es gibt in München verschiedene Arten von Erinnerung an den Nationalsozialismus, eine „moderne", eine ,,traditionelle" und „kritisch erhaltende". Aber zwischen diesen drei Haltungen fehlt der Konsens darüber, wie man der Vergangenheit gedenken soll. Die Münchner wissen nicht, wie sie an ihre Nazi-Vergangenheit erinnern sollen. Die Art and Weise war nach dem Krieg unterschiedlich. Das zeigt sich im gesamten Stadtbild deutlich, in der neuen Architektur, in der Nazi-Architektur, der so genannten Denkmalpflege and den Denkmälern selbst.

    SZ : Heute enthüllt die Stadt eine Tafel, die an die Deportation der ersten Münchner Juden in ein KZ erinnert. Gedenktafeln aber, sagen Sie, seien das mindeste, was München tun kann, um seine Vergangenheit angemessen auszudrücken.

    Rosenfeld: München weist einen groBen Unterschied zu anderen Städten auf, was die Vergangenheitsbewältigung angeht. 90 Prozent aller Denkmäler über die Nazi-Zeit in München sind Gedenktä'feln. Das ist die kleinste vorstellbare Geste, weil diese Tafeln oft nur einen Text ohne visuelle Komponenten darstellen. Ambitionierte Denkmäler, die ästhetisch Stellung beziehen, sind selten. Internationale Wettbewerbe dafür wurden so gut wie nie veranstaltet. Nicht einmal für das Denkmal am Platz der Opfer des Nationalsozialismus. Deshalb können Tafeln immer nur ein Anfang für richtige Vergangenheitsbewältigung sein.

    SZ : Warum ist die Stadt so zögerlich?

    Rosenfeld: Es gibt Politiker, die sehr aufgeschlossen sind. Letztendlich ist das eine Frage der Führungsstärke in der Stadtspitze and der Bereitschaft, diese Interessen zu bedienen. Die fortschrittlichsten Denkmäler in München aus den achtziger and neunziger Jahren wurden aber auf Veranlassung von Bürgerinitiativen errichtet.

    SZ : Warum bezeichnen Sie die Nachkriegsarchitektur in München als „Strategie des Vergessens?"

    GedenktafelRosenfeld: Es gab zwei Stile der Nachkriegsarchitektur, die Moderne and die Postmoderne. Beide repräsentieren verschiedene Wege des Vergessens. Gleich nach dem Krieg gab es die Kahlschlagkultur, mit der man die Nazi-Vergangenheit auslöschen wollte, um danach von Neuem zu beginnen. Der Historizismus wollte dagegen deutsche Traditionen rehabilitieren, die auch von den Nazis ver= wendet wurden. Modernisten wie Beh nisch sagten aber, wir müssen uns über diese Postmodernisten Sorgen machen, weil sie die Bauweisen der Nazis benützen. Die Modernisten wollten vergessen machen, dass diese Formen auch von Speer and anderen gebraucht wurden.

    SZ: Warum hat die Postmoderne, wie sie sich etwa in der Neuen Pinakothek zeigt, in diesem Streit gesiegt?

    Rosenfeld : Weil darüber Wettbewerbe entschieden haben. Und obwohl die Postmoderne als neofaschistisch bezeichnet wurde, setzte sie sich in der Öffentlichkeit durch. Die Menschen glaubten , dass die Benutzung von Säulen nicht weniger faschistisch ist als Glas and Stahl. Aber München ist da keinen anderen Weg gegangen als andere Städte, nämlich die Architektur der Nazis zu normalisieren.

    SZ: Dennoch sagen Sie, gerade die Baukunst sei aber in der Lage, Vergangenheitsbewältigung zu ermöglichen.

    Rosenfeld : Viele arbeiten sich durch das Nazi-Erbe. Filmemacher, Autoren oder Politiker. Aber Architektur ist ein wichtiges Feld, denn alle Deutschen and auch Touristen gehen durch Städte and nehmen so die Realität wahr, zu der auch die Geschichte des Dritten Reichs gehört. Als frühere „Hauptstadt der Bewegung" könnte München den Leuten da eine Lehrstunde erteilen.

    SZ: Fehlt in München also noch ein zentraler Ort, an dem erinnert wird?

    Rosenfeld: Meine Idee ist so etwas wie die Ausstellung Topographie des Terrors in Berlin. Man könnte etwa die Tunnelanlagen unter dem Königsplatz als eine Dokumentationsstelle nützen, was ja schon früher vorgeschlagen wurde. Die Zeit ist vorbei, in der ein Mahnmal am Königsplatz noch etwas bewirken könnte.

    SZ: Kann es echte Vergangenheitsbewältigung überhaupt geben?

    Rosenfeld : Wenn mit der Nazi-Geschichte so umgegangen wird wie mit jedem anderen Teil der Geschichte, der Zeit unter Maximilian I. etwa, dann haben wir diesen Punkt erreicht. Dann wird die Nazi-Zeit nicht mehr für auBergewöhnlich gehalten werden. Ob das gut ist oder nicht, ist eine andere Frage.

    Interview: Florian Rath.